Tag 16 – Redwoods & ein grüner Canyon

Letzte Nacht habe ich gemerkt, was es heißt, wenn man in einer Stadt am kalifornischen Pazifik wohnt – nicht nur Nebel, sondern auch Nebelhorn. Das Schlimmste daran ist nicht mal, dass es in regelmäßigen Abständen tutet. Das hätte ich ja vielleicht ausblenden können. Aber es tutet genau so, wie ein Telefon, wenn man jemanden anruft und der noch nicht drangegangen ist. Und das konnte mein Hirn irgendwie nicht richtig verarbeiten. Schlafen ging dabei jedenfalls nicht, und da der Fernseher keine Sleep-Taste hatte, musste ich Youtube und meine Allzweck-Einschlafwaffe „King of Queens“ bemühen.

Am Morgen dann die Gewissheit: ich hatte mir Nebel gewünscht, und Nebel habe ich bekommen. Ist aber auch einfach, hier ist ja im Sommer eigentlich fast immer Nebel ;-)

Wir haben das erste Mal in diesem Urlaub bei Denny’s gefrühstückt, auch das eine unserer Traditionen. Danach ging es dann direkt los, ich wollte zwar noch eine Leuchtturm-Postkarte kaufen, aber es gab keine… Über den Highway 101, auf dem wir uns nun bis San Francisco fast ausschließlich bewegen werden, sind wir nach Süden aufgebrochen. Erwähnte ich den Nebel? Der sieht hier dann ungefähr so aus:

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Toll ist der Geruch, es war wieder Wald um uns, dazu diesmal aber auch der Geruch nach Meer. In der Kombination ist es ganz anders als im Sequoia. Leider haben wir ja immer noch kein Geruchsinternet, das hätte ich schon mehrfach in diesem Urlaub gerne gehabt (u.a. beim Rippchenfest, im Fernsehen läuft übrigens gerade eine Reportage über so ein Festival – sieht sehr vertraut aus, wir warten auf bekannte Gesichter).

Das erste Mal angehalten haben wir an einer Stelle, die ganz untypisch für uns ist – bei den „Trees of Mystery“. Das sah nämlich schon auf dem Parkplatz aus wie etwas, das uns zu touristisch ist:

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Aber Frank musste eh mal für kleine Jungs und in der Zeit habe ich mir die Preise angesehen. War erträglich, also habe ich entschieden, dass wir das machen. Bevor ich sonst den ganzen Tag überlege, was ich wohl verpasst haben könnte… Also, zahlen und los geht’s. Zunächst läuft man durch die Redwoods, vorbei an vielen wirklich außergewöhnlich geformten Bäumen.

Dem Family Tree, der aus 12 einzelnen Bäumen besteht, die AUFeinander wachsen.

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Dem Cathedral Tree, der aus 9 Bäumen besteht, die unten im Halbkreis zusammengewachsen sind.

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Dem Candelaber Tree, der waagerecht wächst und Wurzeln, aber keine Blätter hat – auf ihm wachsen drei Bäume ohne Wurzeln in der Erde, die über den waagerechten Baum mit Nährstoffen versorgt werden. Dafür haben sie Blätter und er darf „ihre Photosynthese mit nutzen“.

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An den einzelnen interessanten Punkten gibt es Audiostationen, die relevante Hintergrundinfos zu den Redwoods, der Gegend oder der Legende um Paul Bunyon (?) liefern. Die Stimme ist sehr pathetisch, erinnert ein bisschen an alte amerikanische Wochenshow-Ausschnitte aus den 50ern. Auch die 50er-Jahre-Musik und die insgesamt etwas „angestaubte“ Atmosphäre tragen dazu bei, dass es einem vorkommt wie eine Zeitreise in die frühen Touristenjahre, aber trotzdem ist es schön hier.

Im Eintrittspreis enthalten ist der Sky Trail, eine Seilbahn über die Kronen der Redwoods hinweg (manchmal auch nicht, weil die Masten zwar hoch sind, aber nicht immer hoch genug) – mit normalerweise toller Sicht sowohl ins Inland als auch auf den Pazifik. Natürlich nicht bei Nebel, wussten wir vorher, aber man bekommt trotzdem nochmal einen anderen Eindruck von den Bäumen, wenn man so dicht an ihren Kronen vorbeikommt. Runter könnte man übrigens auch laufen, da kann man extra Wanderstöcke (also naturgewachsene) ausleihen… wollen wir aber nicht, 1mi steil bergab finden Franks Knie nicht so toll und neue Erkentnisse oder Aussichten hätte das auch nicht gebracht.

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Also wieder runter mit der Seilbahn, die „hier hinstellen zum Einsteigen“-Fußabdrücke sind etwas überdimensioniert, aber wir sind ja auch in der Gegend, in der Big Foot immer mal wieder gesichtet wird.

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Der Rest des Trees of Mystery-Parks beschäftigt sich vor allem mit den Tall Tales, der Geschichte rund um Paul Bunyon. Wir haben uns nicht alles angehört, irgendwie ist er jedenfalls rasant schnell gewachsen, so ein bisschen „Liebling, jetzt haben wir ein Riesenbaby“… Der Weg führt vorbei an zahlreichen Holzreliefs, die mit der Kettensäge gesägt wurden. Bräuchten wir jetzt nicht, aber gut, ist halt wohl eine lokale Legende.

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Als nächstes sind wir auf den Newton B. Drury Scenic Parkway gefahren, eine Nebenstrecke des Highway 101. Ab hier befindet man sich eigentlich immer in irgendeinen Park, drei Stateparks und ein Nationalpark haben sich zusammengeschlossen und kosten für die Durchfahrt nicht mal Eintritt. Wir haben uns einen oder zwei der ausgeschilderten großen Bäume angesehen, sind ein paar Meter durch den Wald spaziert (gewandert wäre übertrieben) und haben uns gefragt, ob man wirklich so laut kreischen muss beim Fotografieren, dass ALLE im Umkreis von 3 Meilen das hören können…

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Am Visitor Center des Prairie Creek SP haben wir die ersten Roosevelt Elks gesehen, keine Ahnung, ob die auf deutsch auch so heißen? Jedenfalls leben hier in der Gegend ca. 20 Herden, eine davon graste gerade direkt am Highway. Ein bisschen sieht es ja schon wie Touristenprogramm aus, wenn die Männchen zum Fotomotiv-Schichtwechsel über die Straße schlendern – wirklich, die laufen nicht, die schlendern. Provokativ langsam, als wollten sie sagen „ich bin hier das Wildlife, du musst bremsen, sonst gibt’s Ärger mit dem Ranger“. Hat auch ein bisschen was von Germany’s next topmodel, der Gang. Und groß sind die Viecher, haben extra auch mal ein Bild mit Auto gemacht.

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Ein Stück unterhalb des Visitor Centers sind wir rechts abgebogen in die Davison Road. Diese führt einige Meilen durch den Wald in Richtung Küste – und diese Strecke ist wirklich komisch. Die Farne und Bäume und sonstigen Gewächse sind total eingestaubt, alles ist grau, wie mit dem Sepia-Filter fotografiert. Auf die Dauer wirkt das echt deprimierend!

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Egal, am Ende der Strecke und kurz hinter der Stelle, an der man dann doch den Statepark-Eintritt zahlen muss, kam dies: Frank fährt IN eine größere Pfütze auf dem Weg…

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… und diesmal zum Glück auch wieder raus :-)
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Kurz dahinter am Ende der Straße lagen unsere zwei Ziele: Gold Bluff Beach für unser Lunch-Picknick und der Fern Canyon für einen anschließenden Verdauungsspaziergang.

Vom Picknickplatz konnte man in 100m Entfernung mehrere Leute mit Kameras sehen – gutes Indiz für Tiere. Also haben wir da erstmal nachgesehen, und tatsächlich – Roosevelt Elks, die ebenfalls hier ihr Mittagessen zu sich nahmen. Zur Zeit können sie relativ aggressiv werden, wenn sie meinen, ihren Harem beschützen zu müssen, aber diese beiden waren alleine, also wohl (noch) ohne Harem. Daher haben wir sie aus sicherer Entfernung fotografiert und dann in Ruhe gelassen, um uns unseren Wraps zu widmen.

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Weiter ging’s zu Fuß in den Fern Canyon, erst ein paar Meter auf einem Schotterweg, dann über eine behelfsmäßige Brücke (also Bretter über den Bach), und ab in den Canyon. Bisher war Canyon für uns ja immer rot und weiß, vielleicht auch gestreift oder so. Der hier ist grün, von oben bis unten.

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An beiden Seiten wächst Farn, dazwischen Moos, nur gelegentlich mal unterbrochen von einem Mini-Wasserfall. Der Boden des Cayons ist gut zu begehen, von gelegentlichen Klettereinlagen über umgefallene Riesenbäume mal abgesehen. Aber das macht ja Spaß… soviel, dass ich gelegentlich auch irgendwo drüber geklettert bin, wo man mit Wanderschuhen auch durchaus drumherum durch den Bach hätte laufen können…

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Der Canyon hat uns sehr sehr gut gefallen, es ist nicht zu voll (obwohl durchaus einige Autos auf dem Parkplatz stehen), und da es ein Rundweg ist, trifft man die Leute auch nicht mehrfach. Na gut, wenn man wie wir auf dem gleichen Weg zurück wie hin läuft, weil wir es IM Canyon viel schöner finden als oberhalb, dann könnte das schon passieren ;-)
Übrigens war dieser Canyon auch schonmal Costa Rica, im Film “Jurassic Park – Vergessene Welt”…

Anschließend haben wir noch ein halbes Stündchen am Strand gesessen und Wellen, Pelikane und Seelöwen beobachtet (letztere sind echt kamerascheu, sorry). Ganz komisch: obwohl hier viel Wellengang ist, konnte man bis ganz kurz vor dem Wasser kaum was davon hören, obwohl wir quasi auf Ohrhöhe waren. Aber der kleine Sandwall zwischen uns und dem Meer hat wohl die Schallwellen irgendwie umgelenkt. Links und rechts sieht man, dass es immer noch ziemlich neblig ist, das macht uns aber nix, nur auf den Fotos sieht es so nach schlechtem Wetter aus… war aber gar nicht.

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Nach der Rückfahrt durch die Staub-Straße brauchten wir erstmal ein bisschen Sonne, die haben wir uns zu Recht erhofft am Redwood Creek Overlook – von hier aus kann man auch schön die Küstennebel-Schwaden sehen, die über die erste Hügelkette kriechen…

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Kurzer Fotostopp am Patricks Point SP, da wir ja heute schon einen SP bezahlt hatten, war der hier umsonst. Das Ticket gilt nämlich immer für alle Stateparks, haben wir kürzlich gelernt.

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Da wir beide Hunger hatten, sind wir gar nicht erst ins Hotel in Arcata gefahren, sondern dran vorbei 10 Meilen weiter nach Eureka. Dort sind wir durch die historische Altstadt gefahren (mehr dazu morgen), haben uns umgesehen und erst nicht so richtig was gefunden, was uns zusagte und wo wir uns nicht underdressed gefühlt hätten. Schließlich habe ich auf einer Karte von Eureka die Anzeigen durchgesehen und das „Bless My Soul“ gefunden (http://www.blessmysoulcafe.com/). Kreolische Küche, klang gut – also hin. Dass Inhaberin Sweet Mama Janisse diverse „award winning“ Soßen erfunden hat und das Restaurant schon von Guy Fieri, Moderator der Sendung „Diners, Drive-Ins and Dives” besucht wurde, wussten wir vorher nicht. Das Essen war großartig, wir hatten „Sticky Love Sauce Chicken breast“ (fruchtig-senfig) beziehungsweise „Chicken creole“ mit grüner Soße. Dazu frische selbstgemachte Pfirsich-Lemonade… das war mal wieder ein Glücksgriff!!!

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